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Zur Authentizität und Inauthentizität von (medialen) Artefakten 
Ein interdisziplinärer Dialog in zwei Akten

Call for Abstracts für einen Workshop/Sammelband
Deadline: 18. September 2020

Als Gegenstände von (In)Authentizitätszuschreibungen geraten (mediale) Artefakte immer wieder in den Blick geistes- und gesellschaftswissenschaftlicher Disziplinen. Die Arten von Artefakten, denen Authentizität zu- oder abgeschrieben wird, sind dabei so verschieden wie die Disziplinen, die die entsprechenden Zuschreibungen vornehmen, untersuchen und hinterfragen. Als (in)authentisch werden u.a. Werke der Bildenden Kunst, Fotografien, Dokumentarfilme, Texte, historische Quellen, Gebäude, Städte und Stadtteile, Landschaften, Computerspiele, Nahrungsmittel und (vermeintliche) materielle Zeugnisse vergangener Zeiten apostrophiert. 

Der normative Charakter solcher Zuschreibungen tritt etwa in den Debatten um die Entstehungsumstände dieser Artefakte zu Tage, wobei Fragen nach der Urheberschaft dabei oftmals eine Schlüsselrolle zukommt. Dies gilt vor allem für Kunstwerke, bezüglich deren u.a. aus kunstwissenschaftlicher, ethischer und rechtlicher Sicht ein Interesse daran besteht, welche_r Urheber_in sie ihre Existenz verdanken. Schließlich gehen mit der Kenntnis der Urheberschaft moralische und rechtliche Ansprüche ebenso einher wie die Möglichkeit, Kunstwerke mit anderen Artefakten in Beziehung zu setzen und innerhalb der Gesamtwerke von Künstler_innen sowie einzelner Epochen zu verorten. Aber auch Bezüge auf die (angenommenen) Besitz- und Gebrauchsgeschichten von Artefakten werden als Belege für deren Authentizität herangezogen. Objekte in Museen etwa erhalten ihre Daseinsberechtigung in einer Ausstellung vielfach aufgrund der (freilich zu hinterfragenden) Annahme, dass sie aufgrund der ihnen gleichsam eingeschriebenen individuellen Geschichte einen Zugang zu vergangenen Zeiten gewähren. 

Abgesehen von der individuellen Authentizität einzelner Artefakte sind oftmals auch Artefakt-Typen Gegenstände (mitunter fragwürdiger) Authentizitätszuschreibungen – das gilt etwa, wenn Fotografien (fälschlicherweise) als glaubwürdige Dokumentationen von Tatsachen aufgefasst werden: Dabei wird in jeder Epoche bestimmten medialen Artefakten zugestanden oder abgesprochen, Aspekte von Natur oder Personen mittels eines scheinbar nicht-entfremdeten Zugriffs auf die „Wirklichkeit“ erfassen und speichern zu können. Über ihre Objektauthentizität hinaus werden mediale Objekte und andere Artefakte zudem als Werkzeuge der Inszenierung eigener Subjektauthentizität genutzt – beispielsweise bei der Benutzung einer analogen Kamera, beim Sammeln von Schallplatten oder beim erfolgreichen Spielen besonders schwieriger digitaler Spiele (während das Spielen von “casual games” auf vermeintlich “inauthentische” Spieler_innen hinweist). In Gestalt von medialen Artefakten wie Tagebüchern oder Selftracking-Apps dienen sie überdies als Werkzeuge einer scheinbar authentischen Selbstdarstellung, während andere Medien – beispielsweise Instagram – per se unter dem Verdacht stehen, inauthentische Inszenierungen zu forcieren (die in diesem Rahmen wiederum nur durch inszenierte Authentizität mit Markern wie #nofilter thematisiert werden können). 

Neben Philosophie und Soziologie finden sich Debatten um die Authentizität und Inauthentizität von Medienobjekten und anderen Artefakten sowie um deren Einbindung in Formen der Authentizitätsinszenierung u.a. entsprechend in der Geschichtswissenschaft, der Kunstwissenschaft, der Kulturwissenschaft, den Game Studies, der Literaturwissenschaft, der Musikwissenschaft oder der Rechtswissenschaft. Obgleich all diese Disziplinen die (In)Authentizität von Artefakten adressieren, spielt sich die Auseinandersetzung damit allerdings vielfach innerhalb disziplinärer Grenzen ab. Potenziale interdisziplinärer Verständigung, wie sie insbesondere ein Austausch mehrerer Disziplinen untereinander verspricht, bleiben so weitgehend ungenutzt. Folgende Fragen erscheinen mit Blick auf einen solchen Austausch als vielversprechende theoretische oder empirische Ansatzpunkte, um disziplinübergreifend Potenziale der Untersuchung artefaktbezogener (In)Authentizität im Allgemeinen und medienbezogener (In)Authentizität im Speziellen offenzulegen:

  • Welche Fallbeispiele und exemplarischen Debatten rund um die (In)Authentizität von (medialen) Artefakten lassen sich innerhalb verschiedener Disziplinen finden – und wie lassen sich diese Beispiele empirisch oder theoretisch rahmen?
  • Welche Rolle spielen (mediale) Artefakte bei der Inszenierung von Subjektauthentizität und authentischem Erleben?
  • Welche Inszenierungsformen und Mechanismen der Zuschreibung von Authentizität an oder mit (medialen) Artefakten lassen sich identifizieren?
  • Welche Formen nimmt insbesondere die Zuschreibung von Inauthentizität an Artefakte und Medienobjekte an? Stellt die Zuschreibung von Inauthentizität jeweils lediglich eine Negation von Authentizität dar oder handelt es sich um eine eigene Qualität?
  • Was sind die Funktionen der Bezugnahmen auf (In)Authentizität in den einzelnen Disziplinen? Wie werden diese Bezugnahmen ggf. problematisiert? 
  • Gibt es in der jeweiligen Disziplin Begriffsbestimmungen oder Definitionsvorschläge für den Authentizitätsbegriff? Werden in der Disziplin bestimmte Eigenschaften als notwendig oder hinreichend für Authentisches aufgefasst?
  • Der Authentizitätsbegriff changiert zwischen Authentizität als empirisch nachweisbarer, objektiver Eigenschaft und Authentizität als sozialem Konstrukt. Wie gehen einzelne Disziplinen mit diesen beiden Aspekten des Begriffs um?
  • Wie verhält sich Authentizität zu verwandten Begriffen, bspw. Originalität oder Echtheit?

Mit diesen und weiteren Fragen befassen sich die beiden, mit einem Abstand von sechs Monaten aufeinander aufbauenden interdisziplinären digitalen Workshops. Aus dem zweiten Workshop wird eine Sammelpublikation (Sammelband, Sonderheft oder Heftschwerpunkt) mit Beiträgen interdisziplinärer Autor_innenteams hervorgehen. Die Autor_innenteams finden sich im Kontext des ersten Workshops zusammen.

  1. Im Rahmen des ersten, eintägigen Workshops (30. Oktober 2020) stellen die Teilnehmenden in kurzen Impulsvorträgen (10-15 Minuten) ihre Perspektive auf die (In)Authentizität von Artefakten und/oder Vorschläge für konkrete Fallbeispiele etc. vor. Die anschließende Diskussion gibt die Gelegenheit zum gemeinsamen Ausloten von Verbindungslinien zu anderen Disziplinen, aber auch von Irritationspotenzialen und produktiven Dissensen zwischen den verschiedenen disziplinären Authentizitätsverständnissen. Eine Abschlussdiskussion bietet den Teilnehmenden die Gelegenheit, sich mit Teilnehmenden anderer Disziplinen möglicherweise zu Autor_innenteams zusammenzufinden. 
  2. Die Autor_innenteams arbeiten bis zum 1. März 2021 ihre Beiträge (etwa 50.000 Zeichen alles inkl.) aus, die vor dem zweiten, mehrtägigen Workshop (29./30. April 2021) an alle Teilnehmenden versendet werden. 
  3. Der zweite Workshop dient der eingehenden Diskussion der Beiträge zur Vorbereitung auf die Veröffentlichung. Zur Berücksichtigung der aus der Diskussion gewonnenen Einsichten und Impulse können die Beiträge bis zum 30. Juli 2021 überarbeitet werden.

Bei Interesse an einer Teilnahme senden Sie bitte ein Kurzabstract von mindestens 2.000 Zeichen bis zum 18.9.2020 an amrei.bahr@hhu.de und gerrit.froehlich@uni-trier.de. Eine Rückmeldung erfolgt bis zum 25. September.

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